0007 Die Altmaier-Delle ver. 2.0

Hallo, mein Name ist Andreas Wöll.
Ich bin Gründer von WOELL-Consulting, Kooperationspartner von Kathai Marketing und Consulting und seit nunmehr über 30 Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien tätig.

Ich bin mithin ein Experte für die Energie- und Wärmewende und auch für Indoor-Farming-Konzepte und bringe meine langjährigen Erfahrungen auf internationalem Terrain, insbesondere in China, in die Unternehmensberatung und Vernetzung Deutschland – China vice versa – ein.

Zudem bin ich Vorsitzender des Fachausschusses Solarthermie – Erneuerbare Wärme der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. – kurz DGS
Der Titel der heutigen Podcast-Folge: Die Altmaier-Delle, die drohende Reiche-Delle – und warum die Energiewende globale Partnerschaften und keine Feindbilder braucht

Heute geht es also um ein Kapitel deutscher Industriegeschichte, welche man fast schon als energiepolitische Tragikomödie bezeichnen könnte: die sogenannte Peter Altmaier-Delle – ihre Ursachen, ihre Folgen für die Solarbranche – und warum sich aktuell Anzeichen mehren, dass wir vor einer Art „Reiche-Delle 2.0“ stehen könnten.
Aber keine Sorge: Wir bleiben sachlich, fundiert, mit Quellen – und erlauben uns nur gelegentlich ein leicht satirisches Augenbrauenheben.

Fangen wir zunächst einmal vorn an und gehen einen Schritt in der Geschichte zurück.

  1. Was war die „Peter Altmaier-Delle“?
    Der Begriff bezeichnet den signifikanten Einbruch beim Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland ab 2012. Hier, insbesondere der Fotovoltaik und Windkraft, infolge politischer Entscheidungen während Peter Altmaiers Amtszeit als Umweltminister (ca. 2012–2013), nebst der damaligen Staatssekretärin des Bundes-Umweltministeriums – Katherina Reiche. Durch die abrupte und drastische Senkung der Fördersätze im EEG, Kürzung der Einspeisevergütung, kam es zu einem massiven Stellenabbau in der Solar- und Windbranche.

Historischer Kontext in dem Zusammenhang – wird immer wieder gerne vergessen:
Deutschland war in den 2000er Jahren tatsächlich ein weltweit führender Akteur in der Solarindustrie. Dies insbesondere im Bereich der Fotovoltaik-Fertigung und -Technologie. Diese Ära, wird oft als „Solar-Boom“ bezeichnet und wurde in der Zeit durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) stark gefördert. 
• Q-Cells (Thalheim/Solar Valley)
• SolarWorld (Bonn)
• Conergy (Hamburg)
• SMA (Niestatal /Kassel)
• Solon (Berlin)
• Sunways (Konstanz)
• Bosch Solar Energy (Erfurt)
• Heckert Solar (Chemnitz)
prägten die globale Fotovoltaik-Industrie.
Die Grundlage war das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000, unter Mitinitiator Hermann Scheer (SPD), Michaele Hustedt und Hans-Josef-Fell, beide Bündnis 90/Die Grünen, das über garantierte Einspeisevergütungen eine klare Investitionssicherheit schuf. Deutschland baute Produktionskapazitäten, Know-how, Maschinenbaukompetenz und Forschung auf und aus.
Doch 2012 kam die Wende – und die kam abrupt.

  1. Entstehung der Peter-Altmaier-Delle: Politik trifft Markt – und verfehlt ihn
    Im Frühjahr 2012 wurden die Einspeisevergütungen stark gekürzt und das sehr kurzfristig. Begründet wurde dies mit dem starken Zubau und angeblich „ausufernden“ Kosten der EEG-Umlage.
    Zur Faktenlage
    • Laut Bundesnetzagentur brach der PV-Zubau nach 2012 drastisch ein.
    • Zwischen 2011 und 2015 gingen laut Studien des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE rund 80.000 Arbeitsplätze in der deutschen Solarindustrie verloren.
    • Die Produktionskapazität in Deutschland fiel innerhalb weniger Jahre von Weltspitze auf Randniveau.
    • Investoren aus dem Ausland – hier insbesondere China – zogen ihre Investitionen in Deutschland zurück und schlossen Fertigungsstandorte und Dependancen auf
    War der Markt überhitzt? Zu der Zeit, ja, keine Frage
    War eine Anpassung notwendig? Vermutlich zu der Zeit unumgänglich
    War das Tempo und die Radikalität industriepolitisch klug? Mit geklärtem Blick zurück: Doch eher nicht, oder sagen wir es ein wenig deutlicher – dümmlich und teuer für Deutschland mit Blick auf Ökonomie UND Ökologie
  2. Ursachen:
    war es der böse Chinese? Oder doch eher hausgemachte Fehler?
    Häufig wurde – und wird – der Aufstieg Chinas als Hauptursache für das Scheitern insbesondere deutscher Solarhersteller genannt. Doch das greift zu kurz und ist in einigen Aspekten schlichtweg falsch.
    Faktor 1 – Politische Fehlsteuerung
    Die Förderkürzungen erfolgten ohne industriepolitische Flankierung. Während China seine Industrie strategisch unterstützte – z. B. über Skalierung, Finanzierung, Industriecluster –, entzog Deutschland seinem eigenen und zu der Zeit global technologisch mit führenden Sektor quasi über Nacht die Planungsgrundlage und Überlebensfähigkeit.
    Faktor 2 – Management-Fehlentscheidungen
    Einige Unternehmen expandierten aggressiv, verschuldeten sich hoch und unterschätzten den Preisverfall durch Skaleneffekte asiatischer Produzenten – eine klassische Fehlorientierung auf Managementebene.
    Im Fall von Frank Asbeck, Gründer von SolarWorld, kam es zusätzlich zu öffentlichkeitswirksamen Handelskonflikten mit asiatischen Herstellern. Statt auf Kooperation setzte man auf Konfrontation und Anti-Dumping-Verfahren auf EU-Ebene. Das mag aus Unternehmenssicht eine nachvollziehbare Trotzreaktion gewesen sein – industriepolitisch jedoch verstärkte es Fronten, statt tragfähige Partnerschaften zu fördern. Und mit klarem Blick aus heutiger Zeit, so der gewonnene Eindruck, ein sehr teurer Fehler eines einzelnen Fehlgeleiteten, der meinte, seine persönlichen Fehler, nebst beeinflusster politischer Vertreter, auf andere ableiten und damit eine ganze Branche ins Verderben ziehen zu müssen.
    Ein persönlicher Feldzug? Zumindest wirkte es phasenweise so.
    Ein industriepolitischer Befreiungsschlag? Aus heutiger Sicht, eher nicht.
  3. Folgen für Energie- und Wärmewende und die Erneuerbaren
    Die „Peter Altmaier-Delle“ war hierbei mehr als nur ein zeitlich begrenzter Markteinbruch. Sie hatte strukturelle und langfristige Konsequenzen, mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Dazu gehören überwiegend:
    • Verlust industrieller Wertschöpfung
    • Abwanderung von Know-how
    • Verlust der Technologieführerschaft
    • Massive Schwächung von Zulieferketten
    • Massiver Vertrauensverlust bei Investoren
    • Massive Ausbremsung des Ausbaus der Erneuerbaren als Baustein der Energie- und Wärmewende
    Währenddessen nahm China das gemachte Geschenk eines global florierenden Marktsegments dankend an und stieg zur dominierenden Produktionsmacht auf – heute stammen laut International Energy Agency über 80 % der globalen PV-Modulproduktion aus Asien, hier insbesondere China. Oder um es in der Fußballersprache auszudrücken: China nahm mit Kusshand den Fehlpass an und schoss das Tor. Und dies ist nur eine Technologie aus dem Blumenstrauß an Technologien im Bereich der Erneuerbaren, bei denen wir hier in Deutschland und Europa das Heft aus der eigenen Hand gegeben haben.
    Es darf aber in dem Zusammenhang nicht vergessen werden – gleichzeitig blieb das globale Ziel unverändert:
    Dekarbonisierung der energetischen Versorgung mit Strom und WÄRME
    Es sei an der Stelle angemerkt, dass die Energie- und Wärmewende kein nationales Projekt ist oder sein darf – sie ist ein globales und auf ein Miteinander aller Akteure angewiesen.
  4. Aktuelle Lage: Renaissance oder Wiederholungsfehler?
    Heute bemühen sich Deutschland und Europa, wieder Fuß zu fassen, wenn es darum geht, Fertigungskapazitäten aufzubauen – etwa über IPCEI-Programme oder den Net-Zero Industry Act der EU.
    Doch die strukturelle Realität bleibt:
    • Technologieentwicklung: global verteilt
    • Skalierungskompetenz: stark in Asien, insbesondere China
    • Kostenführerschaft: ebenfalls in Asien, auch hier insbesondere China
    Daraus folgt eine zentrale Frage:
    Ist eine vollständige Autarkie auf EU-Ebene realistisch – oder ist der Weg der Kooperation auf Augenhöhe der real intelligentere Weg?
  5. Die drohende „Reiche-Delle“?
    Aktuell wird die Wirtschaftspolitik von Katherina Reiche intensiv diskutiert. Bereits 2012 war sie als Staatssekretärin im Bundesumweltministerium in energiepolitische Entscheidungen eingebunden und mitverantwortlich für die verheerenden Folgen für die Solarindustrie und demzufolge der Reduzierung des Ausbaus der solaren Energieversorgung.
    Kritiker befürchten, dass industriepolitische Prioritäten erneut zu kurzfristig, zu konfrontativ oder zu stark sicherheitspolitisch überformt werden könnten.
    Eine gewisse politische Sinophobie ist dabei in Europa und Deutschland erneut zunehmend erkennbar. Sicherheitsfragen sind legitim – pauschale wirtschaftliche Abschottung hingegen kann man schlicht als kontraproduktiv bezeichnen.

Die entscheidende Frage darf daher nicht lauten:
Mit China oder ohne China?
Sondern:
Wie kooperieren wir auf Augenhöhe?
Wie schaffen wir eine Win-win-Situation für beide Seiten?

  1. Kooperation statt Konfrontation
    Ein „Anlegen mit dem Drachen“ mag rhetorisch kraftvoll klingen – wirtschaftlich ist es selten klug.
    Gerade bei erneuerbaren Technologien, wie:
    • Solarthermie
    • Wärmespeichern
    • Fotovoltaik
    • Batteriespeicher
    • Wärmepumpen
    • Wasserstoff-Elektrolyseuren
    • Weitere Technologien der Erneuerbaren
    braucht es:
    • Venture Capital
    • Technologieführerschaft
    • Skalierungskompetenz
    • Marktzugang
    • Interkulturelles Verständnis
    Die Dekarbonisierung von Strom und Wärme ist eine globale Jahrhundertaufgabe. Sie wird nicht durch nationale Scharmützel gewonnen, sondern durch globale Allianzen.
  2. Chancen einer Kooperation auf Augenhöhe
    Was bedeutet „Augenhöhe“ konkret?
    • Gegenseitiger Marktzugang
    ◦ Mit der Möglichkeit des Schutzes von dem jeweiligen Partner zugeordneten „lokalen Märkten“ über entsprechende Gentleman-Agreements
    • Schutz geistigen Eigentums – vice versa
    • Gemeinsame F&E-Projekte
    • Lokale Wertschöpfung in beiden Märkten
    • Kapitalpartnerschaften
    Dabei gilt es festzustellen, wer was in die Partnerschaft einbringen kann, bzw. wo seine Stärken liegen:

Europa bringt ein:
• Forschung
• Maschinenbau
• Systemintegration
• Regulierungskompetenz
• Umweltaspekte
• Arbeitnehmerwohl
China bringt ein:
• Skalierung
• Lieferkettenintegration
• Kostenoptimierung
• Umsetzungs-Geschwindigkeit
• Innovationskraft
• Schnelle Entwicklungsfähigkeit
Zusammen kann daraus Wettbewerbsfähigkeit entstehen – getrennt droht Bedeutungslosigkeit.
Um das klar hervorzuheben: Wir wären die, die das Nachsehen hätten.
Kernaussage
Die Welt braucht keine geopolitischen Nebenschauplätze, wie z. B. im Bereich der erneuerbaren Energien.
Sie braucht Kooperation auf Augenhöhe.
Nicht als Einbahnstraße.
Nicht als naive Romantik.
Sondern als strategische Partnerschaft.
Globalisierung ist kein Nullsummenspiel – sie ist, richtig gestaltet, ein Wohlstandsmodell. Für uns. Für Europa. Für Asien/China. Und vor allem für die kommenden Generationen.

Es gilt daher: Brücken bauen statt Gräben vertiefen
Gerade deshalb sind interkulturelle Vermittler entscheidend. Vermittler, die in beiden Kulturen zu Hause sind und vernetzen können. Vermittler, die ein Verständnis für beide Kulturen übermitteln und verständlich machen können.

Daher sei uns an dieser Stelle ein wenig Eigenwerbung erlaubt:
Die Kooperation zwischen WOELL-Consulting in Deutschland und Kathai Marketing and Consulting in China zeigt exemplarisch, wie solche Brücken aussehen können: wirtschaftlich fundiert, kulturell sensibel und strategisch ausgerichtet. Gemeinsam sorgen wir für die Vernetzung von Unternehmen in Deutschland und China, vice versa.
Mehr dazu unter: https://woell-consulting.eu

Schlusswort
Vielleicht sollten wir aus der Altmaier-Delle eines gelernt haben:
Industriepolitik ist kein Ort für spontane Muskelreflexe.
UND
Energiewende ist kein Ort für nationale Eitelkeiten.
Wenn wir es ernst meinen, mit einer CO₂-freien Versorgung mit Strom UND Wärme, dann braucht es Technologie, Kapital, Mut – und Partnerschaften auf Augenhöhe.
Ein klares Bekenntnis zur Leistungsfähigkeit in der Industrie und Wirtschaft, bei der es gilt, wenn nötig der Politik die Rote Karte zu zeigen. Und dann entgegen, einer fehlgeleiteten politischen Orientierung und einer scheinbar persönlich orientierten Ausrichtung einer desorientiert erscheinenden Wirtschaftsministerin zu wenigen Akteuren aus ihrem persönlichen Dunstkreis, zu agieren.
Keine Scharmützel gegen vermeintlich ungeliebte Länder.
Sondern das Verstehen und Leben einer Globalisierung.
Eine Globalisierung, die Chancen schafft.
Für unseren Wohlstand.
Und für eine bessere Welt, die wir kommenden Generationen hinterlassen wollen.

Vielen Dank fürs Zuhören, euer Andreas.

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